Preussische Jahrbücher

avril-juin 1905

 

Marie Fuhrmann

 

André Gide. Der Immoralist

 

            Lange bevor in diesem Jahre der 9. Mai herankam, wurde, soweit die deutsche Zunge klingt, in Versammlungen und Zeitschriften nicht nur Schiller, der Dichter, gepriesen, sondern auch Schiller, der Mensch, der des Glaubens lebte, dass niemand dem Zwangsmittel der Notwendigkeit auf Gnade und Ungnade ergeben, sondern jeder frei geschaffen sei, und wär’ er in Ketten geboren, der verlangte, man solle Kants Sittengesetz nicht aus Zwang, sondern freiwillig und mit freudiger Hingabe erfüllen, der trotz aller Bedrängnisse seines Lebens und « des zerrüttenden Gewühles bitterer Schmerzen » diesem Ideal rastlos nachstrebte und die höchsten ethischen Anforderungen an sich stellte. Man sollte meinen, dieser stete Hinweis auf eine so edle Männlichkeit, auf ein so heisses Ringen nach sittlicher Vollkommenheit könne auch in den literarischen Kreisen, in denen man bisher die Emanzipation des Fleisches verkündigt und als das Recht sich auszuleben hingestellt hat, nicht ohne Wirkung geblieben sein ; aber bis jetzt spührt man nichts davon. Der deutsche Büchermarkt wird nach wie vor mit Büchern, oft sind es Uebersetzungen, überschwemmt, die sittlich so bedenklich sind, dass ihr ästhetischer Wert, wenn sie überhaupt welchen haben, gar nicht dagegen in Betracht kommt. Zu diesen Büchern gehört « Der Immoralist » von André Gide. Auf einem demselben vom Verleger beigelegten Blatte wird uns mitgeteilt, dass der Verfasser jahrelang mit Oscar Wilde in enger Freundschaft verbunden gewesen sei. Soll das eine Empfehlung sein. Der unglückliche englische Dichter ist trotz aller seiner Genialität elend zu Grunde gegangen, und wenn er auch nicht ins Zuchthaus, sondern in eine Heilanstalt gehörte, – sein De Profundis wird niemand ohne die tieffste Erschütterung lesen können – so spricht es zwar für André Gides mitleidsvolles Herz, dass er sein Freund blieb, als ihn sein grauenvolles Schicksal ereilt hatte, aber nicht für seine sittlichen Anschauungen, dass er es schon war, als derselbe sich, jeglicher Selbstzucht bar, widerstandslos dem ausschweifendsten Genussleben hingab, bis er zuletzt dahin kam, Gelüsten zu fröhnen, die ihn in Konflikt mit dem Strafgesetzt brachten. « Als Denker », sagt der Verleger, « geht André Gide Pfade, die denen Nietzsches gleichen ; er führt uns auf Gebiete der Psychologie, die wir mit Frauen breteten, und zeigt uns Standpunkte, von denen aus das Leben in neuen wunderbaren Perspektiven vor uns liegt. » Aber die Pfade, die Nietzsche als Denker wandelte, haben in der Nacht des Wahnsinns geendigt, und ihnen zu folgen ist sicher ein gefährliches Beginnen für alle, die nicht schwindelfrei sind. Als Mensch jedoch war er un Santo, wie seine Wirtin in Genua ihn nannte, und ein Mensch wie der Held des Gideschen Romans hätte unbdingt den grössten Ekel in ihm erregt. Dieser Held ist ein junger Gelehrter, der unter den günstigen Bedingungen aufgewachsen ist, ein grosses Vermögen besitzt und von seiner guten und schönen Frau innig geliebt wird. Ohne allen Grund sinkt er in kurzer Zeit so tief, dass er sich des Nachts von ihr fortschleicht, um sich unter den Gemeinsten der Gemeinen im Schmutz zu wälzen und zwar auch im buchstäblichen Sinne. Der Verfasser sagt in der Vorrede, die er zu dem Buch geschrieben hat, es sei « eine Frucht voll bitterer Asche » und vergleicht es mit den « Koloquinten der Wüste, die an verdorrten Dasen wachsen und dem Durst nur wilderen Brand bieten », musste eine solche Frucht deutschen Lesern geboten werden ? – André Gide hat nach seiner eigener Aussage « nichts zu beweisen, sondern nur gut zu malen und sein Gemälde gut zu beleuchten gesucht », aber manches gut gemalte und gut beleuchtete Gemälde wünscht man aus einer Ausstellung fort, wenn der Gegenstand in sittlicher Hinsicht abscheulich ist.

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