Die Zukunft

t.LII, 1905

 

Félix-Paul Greve

 

 

DER IMMORALIST. Roman von André Gide. J.C.C. Bruns, Minden.

 

In des französischen Autors « Traktat vom Erlebnis des Narkissos » steht der Satz : « Der Künstler, der Gelehrte darf nicht sich über die Wahrheit stellen, die er sagen will : Das ist seine ganze Moral ; noch das Wort noch die Phrase über die Idee, die sie darlegen wollen ; ich möchte fast sagen : Das ist die ganze Esthetik ». Der Künstler zeigt im Prinzip genau gleich der Natur nur ein Stück Leben. Aber doch nicht gleich der Natur, denn er zeigt die Dinge klarer, reiner, unvermischt mit den Zufälligkeiten des Lebens ; er zeigt sie eindeutig. Nehmen wir nochmals ein Bild des Autors selber zur Hilfe : wäre das Leben an sich amorphes Salz, so wäre das Leben, wie es der Künstler zeigt, das auskristallisierte Salz. Wenn der Künstler so die reinen. Inhärenten Formen der Dinge zeigen will, dann versteht es sich von selbst, dass er sich hüten wird, ihre Linien durch irgendwelches Urteil, irgendwelche Parteinahme für seine Gestalten zu stören. Der Dichter offenbart. Dieser Dichter offenbart nicht sich, sondern Dinge. Das erkläre die kühle Freudigkeit, die das ganze Buch erfüllt. Ein Wort über den Inhalt. Ein junger Mensch, der getrieben wird. Er ist Geschöpf seiner Herkunft und Umgebung. Selbst als die Kraft, die ihn ursprünglich trieb, sein Vater, stirbt, wirkt der ursprünglichliche Trieb weiter. Er war Gelehrter, bleibt Gelehrter ; er hatte sich am Sterbebette seines Vaters verlobt, er heiratet ; die Hochzeitsreise geht in die klassischen Länder, denn er ist Historiker. Er liebt seine Frau nicht sehr, aber sie ist hübsch ; er läuft in Gleisen. Er erkrankt. Phtisis. Das rüttlet ihn auf. Unter dem Schorf der Erziehung, der Sitte, des Herkommens entdeckt er langsam einen wilden, gefährlichen Menschen. Er genest, er verliebt sich in seine Frau, er geniesst sie, geniesst Alles, mehr als Alles sich. Aber jetzt lebt der Keim der Krankheit in ihr, seiner Frau. Er hat sie genossen, sie ihn. Der Genuss war ihr Ziel, seines nicht. Langsam, bald unbewusst, mordet er die Frau. Das Wie ist der Roman : die Geschichte einer Genesung und eines Wachstumes, das eine Andere verdrängt, ausschaltet. Am Schluss ist er frei. Was er mit seiner Freiheit tut, davon spricht das Buch nicht. Ein Wort über die Uebersetzung. Es war das Bestreben des Uebersetzers (wie stets), vor Allem das Original zu bewahren : die Temperatur des Originals zu wahren, um nochmals einen Ausdruck des Autors zu entlehnen. Das Franzsirende des Stils ist Absicht. Der Uebersetzer war nicht verwegen genug, ein deutsches Buch daraus machen zu wollen. Kühle Schärfe, Präzision bei absoluter Genauigkeit war sein Ziel. Kurzsichtige werden in dieser Uebersetzung vielleicht Gallizismen zu finden vermeinen. Ich wiederhole : keine Wendung, die absichtlich so und nicht anders gewählt worden ist.

Rom.

Retour au menu principal