Das literarische Echo

1. Janvier 1906

 

von Camill Hoffmann (Wien)

Besprechungen

Immoralisten als Romanhelden

 

            Alle Moral geht auf Nivellierung aus. Nach Nietzsche ist sie der Ausdruck eines konservativen Willens zur Züchtung einer gleichen Art. Darum sind die moralischen Menschen so — langweilig : es kommt an ihnen die Art zur Geltung, nicht das Individuum. Ein Glück, dass es Moralisten von reiner Zucht fast nicht gibt. Die Normmenschen gelingen eben nicht. Irgendwo hat der moralische Kompler immer einen Knar. Eine geistige, eine religiöse, eine geschlechtliche Entartung. Veranlagung oder Erziehung bringen das mit sich. Soeben habe ich ein paar ausländische Romane gelesen, deren Helden ich mir auf ihre Moral hin angesehen habe. André Gides « Der Immoralist », der erste von ihnen, verlockte mich dazu. Meine Ueberraschung war nicht gering, dass von sechs Romanhelden fünf schlankweg als Immoralisten geschildert werden. Ich weiss nicht, ob es Zufall ist, ob ich daraus Verallgemeinerungen ziehen darf. Ich habe den Eindruck gewonnen, als sollte gegen die hergebrachte Moral auf allen Linien mobilisiert werden. Oder gegen die Unmoral ? Jedenfalls haben sich die Dichter vom Durchschnittsmenschen, der das landläufige Sittlichkeitsprinzip verkörpert, abgekehrt und sich den komplizierten Ausläufern seiner Gattung zugewendet. Der Kampf gegen die Konvention, der in der Literatur bis zur Banalität stereotypiert wurde, hat sich langsam zum moralischen Problem vertieft. Der amoralische und selbst der unmoralische Held geht jetzt durch die Bücher. Mag er abschrecken oder verführen, er allein ist interessant, er allein reizt zur Analyse, er allein ist das strahlensammelnde Prisma. Nur macht sich auch schon die Reaktion bemerkbar : die Glorifizierung des Durchschnitts.

            Aber bleiben wir beim Immoralisten. André Gide hat den Typ am klarsten hingestellt. Er hat eine präzise, blanke, überlegene, beinahe wissenschaftliche Manier, die menschliche Seele zu entblössen, die mich an die abgeseimte Kühle L’Isle-Adams gemahnt. Die Immoralität seines Archäologen Michel : nichts als Hypertrophie. Ein Lungenkranker, der genest und erst in der Genesung zum Leben findet. Der am Rande des Todes eine Umwertung des Lebens erfährt. Der aus einem gelehrten Puritaner ein nach allen Schauern der Gesundheit lechzender Geniesser, ein nach allen Wonnen der Gegenwart dürstender Lüftling wird. Wie Narziss verliebt er sich zuerst in sich selbst und in Sehnsucht nach dem nackten, blühenden, ursprünglichen Leben in alles, was unbefangen, brutal, unkultiviert ist. Seine Moral hat sich selbst in den primitivsten Instikten verkehrt. Ihm fehlt sogar der Sinn des Eigentums. Er durchkostet selige Wollust, wenn er bestohlen wird. Er ist in seinen Instinkten durchaus pervers, in seinen Gedanken ein Anarchist, in seinen Gefühlen ein Ironiker. Er fühlt sich « befreit », aber am Ende entsetzt er sich doch vor dieser Freiheit ohne Zweck, ohne Beschäftigung. « Gebt mir Daseinsgründe. » Ein unschöpferischer Immoralist also, einer, der an dem Glück, das er sich errungen, erstickt. Ein durch und durch morbider Charakter. Dass André Gide in ihm die Immoralität nicht etwa verneint, beweist Michels Freund Menalkas. Auch einer, der sich von allen gesellschaftlichen Vereinbarungen ausschliesst, ein Starker, ein Abenteurer. Leider sehen wir nicht auch sein Ende, leider redet er in dem Roman nur schön : « Bedauern, Gewissensbisse, Reue — das sind Freuden von ehedem, von hinten gesehen. Ich blicke nicht gerne rückwärts, und ich lasse meine Vergangenheit in der Ferne, wie der Vogel, um zu fliegen, seinen Schatten verlässt... » In Klammern bemerke ich übrigens : vor allem ist mir dieses Buch um der Schilderung der nordafrikanischen Gegenden voll blendender, praller Sonne und um der Landszenen willen lieb, aber ich verabscheue darin die naturalistischen Hässlichkeiten.

[]

Retour au menu principal