Die Neue Rundschau

17. Jahrgang der Freien Bühne, 1906.

Julie Speyer

Der Immoralist von André Gide

 

            Der Immoralist kennt nur ein Erlebnis : die deutliche Empfindung, die in die Resonanz des Ichbewusstseins austönt. Er ist Sensualist, weil das Element seiner Weltbetrachtung die sinnliche Anschauung ist, aber er ist weit davon entfernt, sein Lebensziel in Genuss, Wohlleben und Schönheit zu setzen. Seine Instinkte bauen einzig an der persönlichen Kraft und Gesundheit und sind anarchisch gegen alles sie Eindämmende gewendet, gegen die Pflichten und Bedürfnisse von Kultur und Gesellschaft, die nur den Schwachen schützen und um seinetwillen bestehen. Man darf den « Immoralisten » nicht mit dem « Künstlermensch » verwechseln, denn sie verbindet nur das, was die scheinbare Gemeinsamkeit der Antipoden ausmacht. Jeder ist ein Gipfel, ein Ende, aber die Wurzeln eines jeden treiben in einem völlig getrennten Erdreich. Der Künstlermensch ist unpolitisch, nicht antipolitisch, er ist unsozial, nicht antisozial, er ist nicht gegen die Kultur, sondern er ist die Kultur selber. Da sie beide an Grenzpunkten stehen, ist über beiden der Horizont der Grenzenlosigkeit, der Gesetzlosigkeit, der Freiheit. Beide taumeln aus der umfriedeten Ruhe allgemein gebilligter und anerkannter Lebensregeln in das Sterne und Ungeheuerlichkeiten gebärende Dunkel der sich selbst behorschenden Persönlichkeit. Im Künstler finden sich der Immoralist und der Mystiker zusammen. Das Kunstwerk ist beider erlösende, auflösende « Tat ». Ohne die Tat muss der Mystiker dem Wahnsinn, der Immoralist dem Verbrechen verfallen, für beide gibt es nur diesen oder jenen Weg.

            André Gide legt in diesem Buch den Fall eines jungen Mannes dar, der aus tödlicher Krankheit ins Leben zurückkehrt und mit der Gesundheit die Einsicht neuer Daseinswerte gewinnt. Eigentum, geordnete Lebensführung, die Wissenschaft, in der er noch als halber Knabe Lorbeeren errungen hat, werden ihm schal, schliesslich widerwärtig. Ein geheimnisvoll unwiderstehliches Schicksal macht ihn sein Vermögen verschleudern, seine Arbeitskraft untergraben, die Bedingungen seiner bürgerlichen Existenz vernichten, und sein Weib, die an derselben Krankheit wie er, an Schwindsucht, erkrankt, bewusst, unbewusst dem Tod zuführen.

            Die Situationen, in denen diese Erzählung sich entfaltet, sind lusthafte Bilder von malerisch geschautem scharfen Umriss, und immer zugleich Darstellung eines Stadiums der seelichen Entwiklung. Die Umkehr des jungen Mannes, das aufkeimende, neue Innenleben ist in den zartesten seelischen Punkten erfasst, nicht minder geistvoll die grausamen Instinkte gegen das erkrankte Weib dargestellt und die Konzeption des Aussengeschehens so glücklich gefunden, dass dieses Erleben nicht pathologisch als Einzelfall, sondern regelrecht typisch wirken muss. Die Gewähltheit der Sprache ist von zarter zeichnerischer Schärfe und vornehm leuchtender Farbenschönheit. Die Prosa ist zugleich schlicht und rhythmisch, gebaut aus der klaren Logik wissenschaftlich analytischen Seelenstudiums und der traumhaften Durchsichtigkeit eines Hymnus.

            Wenn der eine Künstler seinen Stoff wie aus üppiger Krume emporschiessen lässt, jener ihn wie einen Diamanten schleift und feilt, so scheint es mir, dass André Gide ihn wie eine kostbare Topfpflanze zugleich wachsen gelassen und beschnitten hat. Man wird nie von der schwebenden Sicherheit verlassen, mit der man bei einer mathematischen Berechnung Spiel und Gesetz zugleich empfindet, und man ist nicht imstande zu trennen, was von dem Dichter schärfer ins Auge gefasst wurde : die Durchführung der Idee oder das sinnliche Detail. Zwar vergisst man nie, dass der zähe Wille der Idee die Konzeption bedingt hat. Aber das Kristallene des Buches wird nicht als Urmut an Wärme, sondern als überaus grosse Helle empfunden. Dies Helle liegt über dem ganzen Buch, bestrickt die Phantasie des Helden, erweckt ihn und treibt ihn an.

            Vielleicht ist es kein spielerischer Vergleich, wenn man die ganze künstlerische Artung André Gides mit der Trunkenheit und Grelle der Wüste in Beziehung setzt. Seine Wahrheiten sind grausam wie die reitzenden Tiere dort, zuweilen ist ihr Aufbrüllen der tiefste kreatürliche Urton, der aus den Abgründen einer grenzenlosen Einsamkeit kommt. Aus tiefer Einsamkeit ist die flimmernde, blendende, wollüstig grelle Atmosphäre geschaffen, in der das Leben gleichsam nur als Trugbild vor die Augen kommt, einer Fata Morgana gleich, in der anschaulichen Blütenhaftigkeit des Details, aber zugleich mit dem Unglauben behaftet, die der Wurzellosigkeit entspringt.

            Die plastischen, erzählerischen und epischen Dualitäten André Gides sind nicht anzutasten. Die Einfälle seiner Situationen und Motive machen keineswegs den Eindruck mühsamer Erfindung oder gar der Gequältheit und sind eher von einer leichten triebhaften Gesundheit. Wenn diese Bilder, dieses ganze Runstgebilde dennoch den Eindruck der Wurzellosigkeit macht, so meine ich, dass das Blut dieses Künstlers ohne einen Tropfen des einzigen Lebensfastes, des Humors, ist. Humor ist Güte, Mystik, Mitleben, ist das sozusagen vegetabilische Element eines Kunstwerkes, durch das seine Wesen in die Atmosphäre unsrer tiefsten Existenz gestellt werden. Es kann ein Kunstwerk die feinste artistische Organisation haben und « wurzeln », und ein anderes mag im sinnlich Anschaulichen überschwellen, und wenn der schöpferische Geist nicht mit « Humor » bestellt ist, hängen seine Menschlichkeiten im Luftdunst. André Gides Geist hat gallischen « Esprit », Witz, Perspektive, Ironie, vielleicht Satire, er hat den Schwung, das Schwelgende, die Grösse des Künstlergenius. Alles, was das Auge, der Geist, der Geschmack, die Kultur der Sinne und des Verstandes geben kann, gibt sein Buch. Aber wenn wir eben noch glaubten, den Schrei bitterster Glückstragik zu vernehmen, bricht es ab, wie eine Anekdote, deren Feinheit darin besteht, keine Pointe zu haben.

            Das lebendige Buch, ich meine das wurzelnde des gütigen, Humor besitzenden Genius, bricht nicht ab Es ist rund wie die Weltkugel, und wenn jenes mit einer Dissonanz abreissst, so ruht dieses gleichsam, in einem Ring von Harmonien.

Retour au menu principal